Cowboy-, Piraten-, Matrosenkostüme, Schminke, Perücken und Blumenketten - alles da, was der Jeck braucht, aber: kein Kunde im Laden. Auf den Spuren des Karnevals in Köln außerhalb der Session.
Köln-Sülz, Karnevals.com: Rechts hinter der Tür die Regale mit Esels,- Schweine- und Monstermasken aus weichem Plastik in weiß, rosa und schwarz, links neben der Tür das Inselregal mit gelb-weißen und gelb-blauen Papierblumenketten und Kölschwärmertäschchen aus flauschigem rotem Velours. Weiter hinten im Raum: vier lange Kleiderstangen mit Kostümen. Cowboys, Indianer, Piraten, Musketiere, dicht auf dicht, die meisten in Plastikfolie. An den Wänden Regale mit pinken, gelben, grünen Perücken. Bei den Kinderkostümen vorne an der Stange ein Klassiker: ein Prinzessinnenkleid aus glattem, kühlem Seidenimitat, hellrosa, mit weißen, kratzigen Tüllrüschen am langen, bauschigen Rock und den engen Dreiviertelärmeln.
Der Laminatboden leuchtet hell. Zur Karnevalszeit ist er dunkel vor Beinen und Schuhen.
Es ist still. Keine Musik. Keine Stimmen.
An diesem regnerischen Aprilvormittag dringen nur ein paar Straßengeräusche in den Laden: Ein Auto parkt, die Stimmen von zwei vorbeigehenden Frauen, die hohen Absätze auf dem Asphalt.
Karneval als Wirtschaftsfaktor
Den Karneval in seiner heutigen Form feiern die Kölner seit fast 200 Jahren, mit Sitzungen, Straßenkarneval, Rosenmontagszug und vielen kleinen Veedelszügen. Die „fünfte Jahreszeit“ hat sich zu einem wichtigen Wirtschaftfaktor für die Stadt entwickelt. Mit gut 10.000 Teilnehmern ist der Kölner Rosenmontagszug der größte Deutschlands. An die vier Stunden zieht er durch die Innenstadt und lockt jährlich über eine Millionen auswärtige Zuschauer in die Domstadt. Ein Riesengeschäft für Hotels, Restaurants, Kneipen und Taxifahrer. Etwa 350 Millionen Euro Umsatz macht Köln mit dem Karneval, 3000 Arbeitsplätze sichert er einer Studie von McKinsey zufolge.
Im April ist Karneval kein Thema
Vier Häuserblöcke von Karnevals.com entfernt, das Fotogeschäft Kuhweide. Inhaber Gustav Kuhweide hatte beim Veedelszug 700 Fotos von den Sülzer Karnevalisten geschossen und in sein Schaufenster gehängt. Jetzt sind die Glasscheiben wieder blank, keine Spur mehr vom Karneval. „Die übrigen Bilder”, erklärt er, „haben wir noch hier in Kartons unter der Theke. Aber es ist bestimmt schon drei Wochen her, das einer noch mal eins von den Fotos kaufen wollte.”
Kein gutes Geschäft, aber Gustav Kuhweide sieht die Karnevalsfotoaktion als einen Service für seine Kunden. „Die freuen sich, wenn sie sich hier im Schaufenster sehen.” Nächstes Jahr wird er wieder mit der Kamera losziehen, wenn der Veedelszug durch Sülz zieht. Aber bis dahin ist der Karneval kein Thema für ihn und sein Geschäft.
Nur drei bis vier Kunden am Tag im Karnevalsgeschäft
Ritsch-ratsch, ritsch-ratsch. Ein Geräusch im Laden Karnevals.com. Die Verkäuferin bückt sich, halb kniend, über einen großen, beigen Lieferkarton. „Im Moment”, erklärt Ruth Kremer und schneidet das Klebeband auf, „ kommen am Tag im Schnitt drei bis vier Kunden.“ Das große Geschäft geht nach Weihnachten los und nimmt bis zum Karneval stetig zu. „Zur Karnevalszeit rauschen hier so viele Menschen rein und raus, da kann ich gar nicht mitzählen. Abends bin ziemlich erledigt.“
Für zweieinhalb Monate kann die 60-Jährige das gut aushalten. Zu tun hat die kleine, sportliche Frau mit den kurzen, roten Haaren auch jetzt. Sie muss die Online-Bestellungen fertig machen und die Lieferungen auspacken, 16 Kisten in den nächsten Tagen, mit Preisen auszeichnen und in die Regale räumen. Gerade holt Ruth Kremer einen Stapel schwarzer Velourshängetaschen mit weißem Piratentotenkopf aus der Kiste, bringt sie zur Ladentheke. „Die Kunden, die jetzt kommen”, erzählt sie, „wollen meistens Kostüme für Mottoparties. Oder kleine Theater, die etwas für ihre Aufführungen brauchen.“
Letzte Woche kam eine Truppe Männer, die für den Junggesellenabschied ihres Freundes Mönchskutten gekauft haben.
Während der Session kommt Ruth Kremer verkleidet in den Laden. Ihr Standardkostüm seit Jahren: schwarzer Frack und rotes Ringel-T-Shirt.
Früher Jahre war die Verkäuferin aktive Karnevalistin, Mitglied in einem Karnevalsverein. Heute feiert sie nur noch an Weiberfastnacht. Das liegt nicht an ihrer Arbeit im Karnevalsladen, aber die vielen Termine mit dem Verein wurden ihr zuviel. Außerhalb der Session genießt Ruth Kremer die Ruhe im Laden. Karnevalsmusik ist tabu, höchstens das Radio schaltet sie ein, wenn es auch ihr zu ruhig wird.
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