So ganz und gar nicht bunt präsentiert sich die Haltstelle Chlodwigplatz an diesem Morgen. Die tief hängenden Wolken zeigen sich in mal mehr, mal weniger dunklen Grautönen, die auf das feuchte Pflaster abzufärben scheinen. Eine Reise mit der KVB durch Köln.
Grau ist der junge Mann im Geschäftsanzug, der seinen Laptopkoffer schützend vor dem leichten Niesel an den Körper drückend auf die U-Bahn zum Hauptbahnhof wartet. Genauso grau die weißhaarige Rentnerin mit den Blumen in ihrem eigentlich ockerfarbenen, vom Regen dunkel gefärbten Mantel, die mit der Straßenbahn über den Rudolfplatz zum Westfriedhof möchte. Und auch die junge Mutter mit ihrem Kinderwagen wirkt irgendwie grau, wie sie da auf die Stadtbahn in die Innenstadt wartet. Lediglich ihr Sprössling in seinem mit einem durchsichtigen Überzug geschützten Kinderwagen scheint von der allgemeinen Farblosigkeit verschont und strahlt aus seinem knallroten Strampler zur Mama empor.
Die KVB fährt pünktlich ein
Pünktlich auf die Minute kommt die Linie 15 am Chlodwigplatz an. Zischend öffnen sich die Türen und die Wartenden, Geschäftsmann, Rentnerin und junge Mutter gleichermaßen, beeilen sich aus dem trüben Aprilmorgen in die Stadtbahn zu kommen. So vielfältig wie die Kölner selbst sind auch die Bezeichnungen, die sie für das Nahverkehrsnetz der Kölner Verkehrsbetriebe haben. Und so vielfältig wie die Namen sind auch die Strecken und Stationen selbst.
Heute sind die Wagen praktisch leer und schnell hat jeder Gast auch einen Sitzplatz. Zum anderen der irgendwie frische Duft nach Laub und Sommerregen, der so gar nicht zum nüchternen Interieur der Stadtbahn mit ihren blau-rot-grau gesprenkelten Plastiksitzen, den gelben Haltestangen und den ebenfalls grauen, herabhängenden Gummischlaufen passt. Zischend schließen sich die Türen und die Bahn setzt sich mit summenden Elektromotoren in Bewegung, während am Fenster Köln vorbeizieht. Ein asiatisches Restaurant setzt mit der rot-weißen Nationalflagge und den gelben Bambus-Vorhängen bunte Farbtupfer. Der Park an der Eifelstraße ist zwar menschenleer, strotzt dafür aber nur so vor Grün. Doch auch das Grau begleitet die Fahrgäste weiter, meist in der Form von Hauswänden verziert mit Graffitis. „Du bist, was du kannst - also geh raus und mach was”, proklamiert eine schwarze Krakelschrift beim Vorbeifahren.
Einmal durch Köln im Uhrzeigersinn
Am Barbarossaplatz steht schon die Linie 18 Richtung Sützgürtel bereit, dem Startbahnhof der sogenannten Ringbahn-Linie 13. Optisch unterscheidet sich der Bahnhof Sützgürtel etwas von seinen mehr stadteinwärts gelegenene Pendants. Nicht nur gibt es viel mehr Grün ringsum, der Bahnsteig selbst präsentiert sich hier auch mit natürlichen Holzbohlen anstatt Betonkacheln, wie sie noch am Chlodwigplatz zu Beginn der Reise zu finden waren.
War bei der Stadtbahn 15 noch die Großstadtluft auf dem Bahnsteig und die Waldluft im Wagen, empfängt die Linie 13 mit einem leichten, exotischen Hauch von Vanille, dessen Ursprung aber nicht auszumachen ist. Präziser lokalisierbar sind da schon die Quellen der polymorphen Klingeltonsymphonie, die kurz nach der Abfahrt aus Jacken-, Mantel- und Handtaschen ertönt. Das verliebte Häschen trällert um die Wette mit dem neuesten Pop-Song, während SMS-Benachrichtigungspiepser und Standardklingeltöne in den Chor mit einstimmen. Wo früher noch die Tageszeitung die Fahrtzeit überbrückte, oder bei längeren Strecken ein Taschenbuch, scheint die Hauptbeschäftigung vieler Fahrgäste in der Stadtbahn das Telefonieren zu sein.
Ihr Weg führt die Linie 13 nordwärts durch West-Köln. Vorbei am Wochenmarkt an der Haltestelle Gleueler Straße, wo Fisch-, Käse- und Blumenhändler miteinander um die Gunst der Kunden feilschen. In original kölschem Dialekt ruft ein älterer Herr mit knallrotem Ferrari-Basecap einer jungen Mutter, die hier aussteigt, etwas hinterher. Die Frau hat beim Manövriern des Kinderwagens aus der Bahn ihren Regenschirm liegen lassen. Dankend winkt sie dem Mann zu, die Türen schließen sich, die Fahrt geht weiter.
An der Station Geldernstraße/Parkgürtel taucht die Stadtbahn in den Kölner Untergrund ein, der blau-orange geflieste Bahnsteig ist voller Leute und die Wagen füllen sich. Weiter geht die Fahrt, allerdings nicht unter Köln hindurch. Der nächste Streckenabschnitt führt in luftiger Höhe durch den Norden Kölns, an den Fenstern ziehen Baumspitzen vorbei, während zwei Stockwerke tiefer der Kölner Berufsverkehr brummt. An der Slabystraße steigt ein italienisches Pärchen zu und erfüllt die Linie 13 mit mediteraner Ausgelassenheit, während die Stadtbahn den Rhein überquert und sich ihrer Endhaltestelle Holweide-Vischeringstraße nähert.
Mit der KVB-Stadtbahn nach Süden
Weiter südwärts geht es mit der Linie 3. An der Haltestelle Buchforst-Waldecker Straße strömen Jugendliche in die Stadtbahn - Schulende. Angeregt unterhalten sich vier junge Mädchen über die hinter ihnen liegende anstrengende Klausur, den geplanten Kinobesuch am Abend, die Party am Wochenende. Simultan werden SMS geschrieben, die Haare gebürstet, der Kajal nachgezogen. Dem Rentner auf der Bank hinter den vier Mädchen zucken die Mundwinkel amüsiert nach oben angesichts soviel Multitasking. Als die Stadtbahn über den Rhein hinwegfährt, entspannt sich eine kleine Diskussion bei der Gruppe darüber, ob man nun schon Poststraße oder erst am Neumarkt aussteigen soll. Während die Linie 3 aus luftiger Höhe hinab in den Kölner Untergrund und kurz darauf in die lindgrün gekachelte Station Poststraße einfährt wird sich spontan entschieden. Die vier Mädchen steigen aus, um noch shoppen zu gehen.
Weiter geht die Fahrt unter den Straßen Kölns. Den fehlenden Ausblick auf die Stadt scheinen die U-Bahn-Stationen ausgleichen zu wollen, denn jede präsentiert sich in einem anderem Kleid. Am Neumarkt empfangen den Fahrgast großformatige Fotocollagen, die vom Boden bis zur Decke reichen. Die Station am Appellhofplatz präsentiert sich ein einem hellen Braunton, der an Milchkaffee erinnert.
Weiter geht es durch die grüne Friesenplatz-Halle mit ihrer weißen Lattenrost-Decke, die gelb gefließste Station Hans-Böckler-Platz mit ihren orange-roten Ornamenten und den blauen Säulen. Vorbei an den mit polierten Metall-Installationen verzierten Wänden der Haltestelle Körnerstraße und den fast schon düster wirkenden Bahnhof Venloer Straße mit seinen riesigen Bilderrahmen, die Fotographien von Mauer- und Laubwerk kombinieren.
Mehr Kunst finden die Passagiere der Linie 3 an der Station Leyendeckerstraße vor; wandfüllend sind hier Landwirtschaft und Industrialisierung mit Hilfe von Pictogrammen dargestellt, wie man sie sonst nur von Hinweisschildern kennt. Eine Station weiter fährt die Stadtbahn plötzlich unter gigantischen roten, blauen und gelben Rohrleitungen hindurch, während an der Wand stilisiertes Wasser das Gefühl erweckt, unter dem Meer zu fahren. Der Stationsname tut sein übriges zu dieser Illusion: Äußere Kanalstraße. Zwei Stationen später kehrt die Stadtbahn an die Oberfläche zurück, vorbei an den Haltestellen Wolfssohnstraße, Westfriedhof und Bocklemünd. Nur noch wenige Passagiere sitzen hier noch in der Linie 3, die sich diesen Streckenabschnitt und damit auch die Fahrgäste mit der Linie 4 teilt.
Wer der Doppellinie zurück in die Innenstadt folgt, trifft an der U-Bahn-Station Friesenstraße wieder auf die Linie 15. Der Waldduft ist verschwunden, aber auch das Grau des Vormittags - die Fahrt durch die vielfarbigen Haltestellen der Kölner Stadtbahn und die ebenso vielfältigen Fahrgäste haben dafür gesorgt.
Dies ist eine Reportage der Seminarteilnehmer des Kurses Onlineredaktion 11 am mibeg-Institut.
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