|
« Kommentare sind nicht sofort aktiv… |
Strompreissenkung » |
 |
 |
 |
Freitag |
28.04.2006 |
|
|
| Spare, spare, von der Wiege bis zur Bahre |
“Gönnen Sie Ihrem Baby eine gute Ausbildung.” 50 oder vielleicht auch 100 Euro fest im Monat: Nach 18 Jahren eine ansehnliche Summe in einer Ausbildungsversicherung angespart. Und ab dann wird dann gleich für die Rente angelegt oder für die Immobilie in den Bausparvertrag eingezahlt. Und die Sterbeversicherung sorgt dann auch noch für ein kostenloses Begräbnis. Vorsorge nennt sich dieses typisch deutsche Prinzip. Und verbindet sich hierzulande mit langlaufenden, unflexiblen Verträgen, die Versicherungs- mit Anlagezielen koppeln. Ein Plädoyer für die entkoppelte Kurzfristvorsorge.
Warum wird in Deutschland “Vorsorge” und “Altersvorsorge” immer mit “lang” und “regelmäßig” und ganz häufig auch “Versicherung” gleichgesetzt? Zwei Gründe gibt es dafür:
- Versicherungen wollen es so: Würde sich das Altersvorsogeziel komplett von dem Versicherungsgedanken abkoppeln, dann könnten große deutsche Versicherungsunternehmen einen Großteil ihres Geschäfts einfach abschreiben. Entsprechend großes Interesse haben diese Unternehmen daran die Rente mit der Versicherung zur Rentenversicherung zu verbinden oder das Kapital mit der Lebensversicherung zur Kapitallebensversicherung.
- Innerer Schweinehund braucht Regelmäßigkeit: Viele Deutsche sind der Auffassung, dass ein regelmäßiger Sparplan am Ende zu einem guten Ergebnis führt. Der innere Schweinehund möchte sich nicht ständig mit der Altersvorsorge beschäftigen, sondern es per Bankeinzug einmal abhaken. Das ist auf jeden Fall der einfache Weg: Einmal damit beschäftigen und danach nie wieder. Aber stimmt das auch?
Entsprechend kreativ sind natürlich Versicherungs- und Kapitalanlagegesellschaften, dem Bürger ein schlechtes Gewissen zu machen und ihn auf der anderen Seite mit immer neuen Vermarktungsideen alte und nicht unbedingt gute Produkte anzudrehen. Schon lange in ist dabei die so genannte Ausbildungsversicherung: Schon fürs Baby soll der Vater oder die Oma einen Obulus in einen Vertrag einzahlen, mit dem 18. Lebensjahr steht dann eine mehr oder minder ansehnliche Summe zur Verfügung. Und ab Studiums- oder Ausbildungsbeginn ist natürlich der Bausparvertrag Pflicht, spätestens mit Start der Berufstätigkeit dann die Rentenversicherung oder ein Todesfallschutz, nach Möglichkeit auch gleich die Sterbegeldversicherung: Von der Wiege bis zur Bahre für jeden Lebensfall gibt es die passende Versicherung und Anlageform.
Ein Umdenken ist notwendig, denn mit dem einfachen Weg sorgen die Deutschen falsch vor:
- Versicherung versus Anlage: Wozu unbedingt in Versicherungen investieren, wenn mit dem normalen Banksparplan oder Tagesgeldkonto womöglich eine gleichwertige Rendite erzielbar ist. Die private Kapitallebensversicherung oder Rentenversicherung der Versicherungsgesellschaften ist die denkbar ungünstigste Form, flexibel für die Rente vorzusorgen, denn in den ersten Jahren der Anlage wird kein Cent Rendite erzeugt, sondern zunächst die hohe Vertreterprovision für den Vertrag abgezahlt. Mit der Konsequenz, dass eine vorzeitige Auflösung so genannter Rückkauf nur mit hohen (Rendite-)Verlusten möglich ist. Die Koppelung vom Versicherungsgedanken mit der Anlage nutzt nur den Gesellschaften, aber nicht dem Anleger. Denn zusätzlich wird in einen Versicherungsschutz investiert, der oft unnötig oder zu gering bemessen ist.
- Lang- versus kurzfristig: Wer weiß schon, wie die finanzielle Lage oder persönliche Lebenssituation in drei Jahren ist, geschweige denn in zehn, 20 oder 30 Jahren? Auch ein (kurzfristiges und flexibles) Tagesgeldkonto ist deshalb Vorsorge! Aber eben nicht eine, die über Jahrzehnte unflexibel auf einmal vereinbarte Rahmenbedingungen verharrt, sondern die sich mit der persönlichen Lebenssituation entwickeln kann. Denn: Wenn die Arbeitslosigkeit droht oder die Familienplanung neue Finanzen benötigt, ist ein Zugriff auf solches Geld sofort möglich. Natürlich steht es dann für die Rente nicht mehr zur Verfügung, aber es ist allemal billiger, einen Bankeinzug zu stoppen und gespartes Geld zu verwenden, als bei hohen Zinsen in den Dispo zu geraten oder einen Kredit abzubezahlen. Letzteres bringt für die Altersvorsorge ein Minusgeschäft! Und das nur, um den inneren Schweinehund zu überwinden?
- Keine Beruhigung: Selbst die Beruhigung des inneren Schweinhunds bringt der einfache Weg nicht. Ich persönlich kenne niemanden, der als uninformierter Anleger nach dem Gespräch mit dem Bankberater oder Versicherungsvertreter mit dem Gefühl nach Hause geht, jetzt sei alles in trockenen Tüchern. Im Gegenteil: Der nichtinformierte Bürger hat weiterhin ein schlechtes Gewissen, was sich im Extremfall in einer Vielzahl gar nicht notwendiger bzw. ungünstiger weitere Sparpläne äußert. Hermann-Josef Tenhagen, Chefredakteur von Finanztest nannte hierzu als Beispiel einen Leser, der 17 Kapitallebensversicherungen abgeschlossen hatte. Wer mit 60 Jahren noch eine Kapitallebensversicherung abschließt, die mit 80 ausgezahlt wird, hat nur dem Versicherungsvertreter einen Gefallen getan, das schlechte Gewissen bleibt aber. Der einfache Weg ist nie der richtige: Eigene Information ist notwendig!
Fazit: Eigeninformation ist am Ende auch der beste Weg gegen das schlechte Gewissen. Dabei kann auf die Versicherung und Anlage für jede Lebenssituation getrost verzichtet werden. Die Verbraucherzentralen beraten unabhängig und kostengünstig: Niemand muss sich also auf die Werbung verlassen und ein Studium absolvieren, um die Grundlagen der Vorsorge zu verstehen. Am Ende leidet darunter höchstens der Versicherungsvertreter oder Bankberater: Aber damit kann jeder mündige Anleger gut leben.
[Dies ist die zweite "Premium"-Kolumne von mir, jeden Freitag gibt es eine neue. Und zwischendurch natürlich auch den einen oder anderen nutzwertigen Beitrag. Natürlich freue ich mich sehr auf Ihre Kommentare, geben Sie ruhig kräftig Contra!]
|